WORTLOSE ORTE

Das Interesse für Orte ist eine wesentliche Triebfeder meines Schreibens. Besser: Nicht-Orte (Michel de Certeau/ Marc Augé) sind es, die mich immer schon faszinieren. Unpersönliche, aber vertraute Orte. Jenseits von Geschichte, Relation und Identität, mono-funktional: Shopping Malls, Verkehrsnetze, Transiträume (Flughäfen, Autobahnraststationen, Tankstellen), die streng auf bestimmte Zwecke ausgerichtet sind. Es sind keine anthropologischen Orte, in ihnen ist man nicht heimisch. Sie sind reguliert, haben oft Ein- und Ausgangsrituale (Feriendörfer, Gefängnisse, Bordelle, Krankenhäuser), funktionieren über Gebote, Verbote, über gelernte Codes und Texte. An diesen Orten ist man – nicht immer – aber oft allein, gleichrangig mit allen anderen, die sich ebenfalls den Gesetzen des Ortes unterwerfen. Ich frage mich: Was machen diese Orte mit uns? Ist es möglich, einen Nicht-Ort in einen anthropologischen “Erinnerungort” zu verwandeln? Und wenn ja – wie? Durch ein Brechen der Norm, durch Widerstand, durch ein Zurückweisen, ein Torpedieren der Funktion?

Wenn Michel Foucault von “Heterotopien” spricht, dann meint auch er Orte, die nach eigenen Gesetzen funktionieren: Schiffe, Altenheime, Kirchen etc. Interessant ist die Differenzierung bezüglich der Zeitstruktur (Heterochronie): So gebe es Orte, an denen Zeit gesammelt wird (Museen, Bibliotheken) und solche, die sich innerhalb von Stunden wieder auflösten (Feste, Jahrmärkte).

Was aber passiert mit der Zeit etwa in einer Shopping Mall? Weil viele Malls Tageslicht und Wetter aussperren, herrscht dort fortwährend und pausenlos dieselbe Shoppingzeit. Zeit darf keine Rolle spielen, was auch daran abzulesen, dass im Gebäude keine Uhren angebracht sind (wie etwa in einem Hallenbad, wo Uhren – warum auch immer – eine große Rolle spielen). Auf die Spitze getrieben wird diese Eigenzeit der Shoppingcenter in der “Venice Mall” in Las Vegas, wo an einem künstlichen Himmel über dem künstlichen Canale Grande die Sonne regelmäßig auf- und untergeht und sich ein einziger Besuch auf diese Weise auf mehrere Tage ausdehnt.

Woher aber diese Melancholie, wenn abends die Rolläden heruntergefahren werden und die Abschiedsmelodie erklingt? Wenn ein monofunktionaler Ort seine Funktion verliert, bleibt nichts als Vakuum, Leere, Depression.